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  Vor 50 Jahren: „das Atom“. Heute: „das Internet“.
     


Die Erscheinung des Atomiums lässt eigentlich keinen Gedanken an Atomspaltung aufkommen. Bild: ctsnow/flickr
  Wieder mal geht ein Gespenst um – nach dem Atom jetzt das Internet. Fast wie vor ca. 50 Jahren, als das Atom das Denken und die Politik, das Militärwesen und die Weltordnung veränderte. Damals sahen die einen im Atom den Heilsbringer, die anderen den Bedroher des Weltfriedens und der individuellen Gesundheit. Die Atombombe hat vielleicht den Dritten Weltkrieg verhindert, aber John Wayne getötet*.
Und heute das Internet. Was wird es bringen?

Einer der klügsten Köpfe Deutschlands hat dazu auf einer amerikanischen Intellektuellenplattform – noch nenne ich nicht Reiter und Ross – Gedanken geäußert, die sich wie schlimmste Nachtmahre lesen. Hier Auszüge in meiner Übersetzung.

„Wir sind heute offenbar in einer Situation, wo die moderne Technologie die Art verändert, wie die Menschen sich verhalten, sprechen, reagieren, denken und sich erinnern. Dem begegnet man nicht nur theoretisch, sondern wenn man Menschen trifft, Menschen, die plötzlich Dinge vergessen, wenn Menschen plötzlich von Geräten und anderem Zeugs abhängig werden, um sich an bestimmte Dinge zu erinnern.“

Lieber Herr, wir sind doch nicht im Zeitalter der Erfindung des Bauernkalenders. Sie denken doch nicht, dass ich den Tag der Aussaat vergessen könnte. Oder dass ich den Klang der Kirchenglocke brauche, wenn ich auf dem Feld arbeite und es Zeit für ein Päuschen ist?

Hilfe! Wo ist mein Gehirn?

Nein, es geht dem Herrn um Fundamentaleres. Ums Gehirn. „Gerd Gigerenzer, den ich traf und den ich für einen fantastischen (sic!, U.T.) Denker halte, fasste es so: dass das Denken selbst irgendwie das Gehirn verlässt und eine Plattform außerhalb des Körpers nutzt. Und die ist das Internet, die ist die Cloud. In Kürze werden wir das Gehirn in der Cloud haben. Damit kommt die Frage nach der Bedeutung von Gedanken auf. Jahrhunderte lang wurde von meinem Gehirn entschieden, was bedeutsam ist. Aber nun wird es offenbar woanders entschieden.“**

So weit erstmal. Das eine nannte man früher Stimmenhören und Gespenster sehen. Und die Frage, wo entschieden wird oder wurde, welche Gedanken bedeutsam sind, ist so einfach ja auch wirklich nicht. Früher (in manchen Kulturen heute noch) konnte man nicht selbst entscheiden, wen man heiratet. Welche Bedeutung hatte da wohl der Gedanke: Die/den würde ich gern heiraten? Dass das heute anders ist, liegt nicht daran, dass jemand seinen Kopf durchgesetzt hat. Sondern daran, dass es keine Reiche und Höfe mehr zu vererben gibt und dass Nachbarschaftsbeziehungen nicht mehr durch Verschwägerung geregelt werden.

Weiter mit unserem klugen Kopf: „Der menschliche Muskel im Kopf, das Gehirn, muss sich anpassen. Und wie wir aus neuesten Studien wissen, ist es für das Gehirn sehr schwer, sich so anzupassen, dass es multitaskingfähig wird. (...) Sehr interessant ist das Konzept – Daniel Dennett und andere sagten das -, das Konzept der Informavoren, Menschen als Informationsesser. Man kann es so sehen: das Internet und die Information Overload, denen wir uns gerade gegenüber sehen, hat eine Menge mit Nahrungsketten zu tun, mit Nahrung, die wir aufnehmen oder nicht, mit Nahrung, die viele Kalorien hat und nicht gut tut, und mit Nahrung, die gut ist und gesund.“

Jetzt sind wir aber bei der Untergrenze der möglichen Banalität angekommen. Mein lieber Herr, war es nicht schon immer so, dass man bei der Arbeit mit dem Skalpell nicht den Lottoschein ausfüllen sollte? Und was die Aufnahme von Informationskalorien angeht: Sie sind doch bestimmt keiner, der tagelang nichts anderes sieht als RTL.

An dieser Untergrenze des Banalen angekommen, offenbare ich den Verfasser dieser verstörten Gedanken (sind sie überhaupt in seinem Gehirn und nicht in der Cloud entstanden?). Es ist der Mitherausgeber der FAZ („Dahinter steckt immer ein kluger Kopf“) und Chef des FAZ-Feuilletons Frank Schirrmacher. Er hat ein Buch geschrieben, wieder mal, und das bewirbt er unter Nutzung des Internets. Und zwar indem er seine (?) Gedanken bei „Edge, The Third Culture“ zur Diskussion stellt. Titel: „The Age of Informavore“.

Edge versteht sich als „Förderer der Forschung und Diskussion von intellektuellen, philosophischen, künstlerischen und literarischen Themen. Zu den Mitgliedern zählen einige der interessantesten Geister der Welt“. Einige dieser Geister gehen auf Schirrmachers Statement ein, die meisten davon scheinen ihn beruhigen zu wollen. Mit mehr oder weniger guten Argumenten. Wer da einsteigen will, sollte die Ausnahme unter den Beiträgen, den von Annalena McAfee, lesen, lebensnah und realistisch. (Alles unter derselben URL.)

Vielleicht geht es nur um die Zukunft der Zeitung

Zurück zu Frank Schirrmacher und seinem wirklichen Thema. Das scheint zu sein, wird im Text jedenfalls mehrmals angesprochen: Wie wähle ich in der Flut des angebotenen, des erreichbaren Kontent aus, was ich selbst veröffentlichen will? Was brauche ich als Herausgeber der FAZ als Leitkriterien? Was braucht die Mediengattung Tageszeitung (Qualitätsjournalismus) als Leitkriterien für die Auswahl und Behandlung von Themen? Hier geht es, banal gesagt, um die Aufteilung des Kuchens. Was bleibt der Zeitung als Gattung, was bleibt der FAZ wenn sie von der millionenfachen Kontentgröße des Internet mit Schatten beworfen wird?

Meine ganz persönliche Frage: Muss man sich dabei geben wie ein blinder Gegner der Teilchenphysik und Atomtechnologie in der 50-er und 60-er Jahren des vergangenen Jahrhunderts? Von Maschinenstürmern ganz zu schweigen. Oder hat sich der kluge Kopf angesichts des Internet erledigt?


*John Wayne starb wahrscheinlich an einem strahlenbedingten Krebs, weil er einen Film an einem Ort gedreht hat, an dem zuvor Atombombentests stattgefunden hatten.

**Schon in Wittgensteins Überlegungen "Über Gewissheit" (Suhrkamp-Ausgabe, Bd. 7) findet sich Folgendes: "4. (...) Aber wie ist es mit dem Satz 'Ich weiß, dass ich ein Gehirn habe'? Kann ich ihn bezweifeln? Zum Zweifeln fehlen mir die Gründe! 'Es spricht alles dafür und nichts dagegen.' Dennoch lässt sich vorstellen, dass bei einer Operation mein Schädel sich als leer erwiese." Geschrieben um 1950, lange vor der Cloud.


Ulrich Tekniepe 17.11.2009

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