Das Gaspedal, die Maus und etwas Psychologie

von Ulrich Tekniepe (Kommentare: 0)

Warum und wo das Auto an Bedeutung verliert

Allenthalben hört man, die Jüngeren wollen keinen Führerschein mehr machen, wollen kein Auto mehr besitzen. Das gilt bestimmt nicht für alle und jeden, der/die jünger als 25 ist. Aber es ist ein Trend. Und der hängt nicht nur mit Verstädterung oder einer ideologieartigen Ablehnung von Besitz zusammen.

 

files/Blogbilder/20151113_Auto.jpgIn der Psychologie gibt es den Begriff „Selbstwirksamkeit“. Damit ist – grob gesagt - die Wahrnehmung der eigenen Handlungsauslösung, der Handlung und ihrer Folgen gemeint. Und darauf hat es der Mensch abgesehen. Ein Auto ist ein wunderbares Gerät, um Selbstwirksamkeit erleben zu können. Schlüssel drehen oder Knopf drücken, und schon herrscht man über zwei- oder dreistellige „Pferdestärken“. Gaspedal drücken, und schon bewegen sich 1,2 Tonnen Blech, Gummi und Kunststoff – und man selbst! - von A nach B. Null auf hundert. Höchstgeschwindigkeit. Querbeschleunigung. Reisezeit. Feuchte Hände. Herzrasen. Das war schön. Als es neu war. In den 1950-er und 60-er Jahren vor allem. Die gesellschaftliche Dimension Motorisierung bekam eine unmittelbar erlebbare Dimension für das Individuum, für das Herz des Individuums. Manchmal nicht zu seinem Besten.

           Das Ende dieser Periode kam in den 1980-er und 90-er Jahren. 1983 erschien der Film „Gib Gas, ich will Spaß“, ein unfreiwilliger Abgesang. Am anderen Ende der Straße ging zwar nicht die Sonne unter, aber es erschien ein umweltorientiertes Denken am Horizont. Doch das hätte es nicht gebraucht, um dem Spaß ein Ende zu machen. Der Reiz des Neuen, des gesellschaftlichen Aufbruchs war ohnehin weg. Und es kam bald ein neuer. Die Digitalisierung.

           Jetzt ist der Mausklick zum Mittel und zum Bild für die Selbstwirksamkeit geworden. Statt im Stau von Remagen nach Rimini in 33 Stunden („Rekord“) bin ich jetzt in „Echtzeit“ in Los Angeles oder Papua Neu-Guinea. Ich chatte mit vier Freunden an fünf Orten gleichzeitig. Mit meiner Maus mache ich die Zeitung von morgen zur Zeitung von gestern. Klick. Beziehungsweise Touch. Touché.

           Damit ist das Auto nicht am Ende. Seine Bedeutung für die gesellschaftliche Produktion und Reproduktion wird – sich wandelnd – bleiben. Es wird den Heutigen nur nie so nahe am Herzen sein wie den Gestrigen.

 

Foto: Screenshot aus meinem Werbefilm „Lebenslauf“, 1997, über das Leben eines Testfahrers bei Porsche

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