Die Fitness-Frage

von Ulrich Tekniepe (Kommentare: 0)

Anpassung an der Schnittstelle von Digitalisierung und Globalisierung

Wie kommt man leichter zur besseren Lösung? Durch Imitation oder durch Selberlernen?

 

Die Frage gilt für alle nicht angeborenen Fähigkeiten und Fertigkeiten, die der Mensch im (Berufs-)Leben braucht. Wissenschaftler, die die Entwicklung unserer Kultur mit darwinschen Prinzipien erklären, haben eine Antwort: Es kommt darauf an.

     Genauer: bei instabilen äußeren Umständen ist es effizienter zu imitieren. Also sich entweder nach der Masse oder den Erfolgreichen zu richten. In Zeiten relativ stabiler äußerer Bedingungen kommt man weiter, wenn man Lösungen selbst entwickelt. Warum das so ist?

     Selberlernen wie auch Imitation erfolgen nach dem Prinzip von Versuch und Irrtum. Beim Selberlernen ist die Wahrscheinlichkeit von Irrtum größer. Aus den Irrtümern zu lernen ist leichter, wenn die Umstände weitgehend gleich bleiben. Also ist Imitation bei wechselnden äußeren Umständen besser. Wobei für die Gesamtpopulation weniger Fortschritt entsteht. Was sind die aktuellen äußeren Umstände für heutige Marketingmenschen?

files/Blogbilder/20131015_Darwin.jpg     Instabile. Zwei Stichworte: (1) Digitalisierung. Das Internet ist gekommen. Die Zielgruppen sind nicht mehr auffindbar. Das Internet ist noch im Kleinkindalter, also verändert es sich sehr schnell. (2) Globalisierung. Staatsgrenzen werden bedeutungslos, kulturelle Grenzen entstehen und vergehen nach kaum erkennbaren Mustern und Gesetzen. Also wird imitiert. Nur nichts Neues wagen.

 

Fools, Fools, Fools?

 

Nichts Neues wagen zeigt sich in der Ausbildung und Ausstattung junger Manager, Hochschulabsolventen. Tools, Tools, Tools. Der Verstand dient nur noch der Orientierung zwischen Aufgabe und Werkzeugkiste. Weiter Reichendes, auch als Allgemeinbildung bekannt, ist nicht gefragt – aus gutem Grund, s. o. - und wird kaum noch angeboten.

     Insofern erzählt Benedikt Herles in seinem Buch „Die kaputte Elite“ wahrscheinlich nichts prinzipiell Neues. Ich habe es nicht gelesen, ich habe ein sehr interessantes Interview mit Herles gelesen. Neu ist für viele Leser bestimmt der Einblick in die Wirtschaft von heute. Ob der Autor einen ähnlichen Zusammenhang zu den allgemeineren Umweltbedingungen herstellt wie ich, weiß ich nicht. Er scheint sich jedenfalls nicht einfach mit der Situation abfinden zu wollen. Kein Einzelfall. Zum Glück.

     Neulich bin auf die Website einer relativ neuen Werbeagentur, Schipper Company, gestoßen. Da heißt es: „Was uns ausmacht, sind nicht irgendwelche bahnbrechenden neuen Tools oder unverständliche Methoden, sondern nur ein Gedanke […].“

     Wer damit heute Erfolg hat, ist wirklich gut. Und vielleicht hält er – wenn es genug von seiner Art gibt - ein Gut am Leben, das später mal wieder gebraucht werden wird, zur Imitation verfügbar sein muss: den Gedanken, die Allgemeinbildung*. Wenn dieses Gut in Zukunft nicht zur Imitation bereitsteht, sieht es schlecht aus. Dann fehlt die Grundlage, um neue wirkungsvolle Tools zu entwickeln.

    Hoffnung besteht. Denn es kommt auf die Größe der Population an, damit „es genug von seiner Art gibt“. Optimistisch geschlossen folgt aus der Masse Allgemeinbildungs-freier Toolanwender, dass auch die anderen, nämlich die, die Allgemeinwissen weiterentwickeln können, genügend zahlreich sein dürften.

 

*im Sinne der Evolution von Kultur ist auch Allgemeinbildung ein Werkzeug, ein sehr, sehr komplexes

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