Ist das Internet schon vorbei?

von Ulrich Tekniepe (Kommentare: 0)

Datenautobahnranderscheinung

Apple, Amazon, Google, Facebook - wessen Geschäftsmodell ist das geeignetste zur Beherrschung des Internet? Und: wo wird das hinführen?

     Das Internet bietet eine Infrastruktur für den Austausch von Information. Information wird weitergegeben und aufgenommen - von Sendern, Adressaten, Providern und sonstigen Beteiligten. Im Gegensatz zur Kommunikation in der “richtigen Welt“ geschieht diese Kommunikation praktisch in null Zeit und kann theoretisch alle Nutzer gleichzeitig erreichen. Man stelle sich die Bewohner des globalen Dorfs am Sonntagmorgen nach der Kirche auf dem Platz vor der Kirche versammelt vor. (Nach der Kirche ist vor der Kirche.) Nur handelt es sich um ein Dorf mit Hunderten Millionen Bewohnern (1,4 Mrd.?). Also um den reichsten Marktplatz der Welt.

     Genauso wie der Platz vor der Kirche ist auch das Internet etwas Physisches. Auch wenn es sich oft nicht so anfühlt. Da sind Datenleitungen, Server, Software und der Einsatz von menschlicher Arbeitskraft. Dazu gehört sogar das Glasfaserkabelnetz der alten Deutschen Bundespost. Also: das Internet gibt es nicht umsonst, es ist kein rechtsfreier Raum und es gehört nicht den Nutzern, sowenig wie der Platz vor der Kirche.

 

Das Internet zu Googles Zeiten

 

Wenn man nicht gerade angesprochen wurde, „Besuch meine Website“, oder sonstwie den Weg wusste, fragte man seine Suchmaschine, ganz früher Yahoo, dann Google, wo man hin muss, um etwas, das man per Stichwort beschreiben konnte, zu erreichen. (Vor der Kirche: „Wo ist der Dings?“ – „Der steht an der Treppe.“) Jeder, der wollte, dass ich ihn besuche, sah zu, dass er mir bei Google erschien, wenn ich etwas suchte, was annähernd mit seinem Angebot zu tun haben könnte. Und Google weiß, was ich suche, nicht nur wenn ich suche. („Der steht immer zuerst an der Treppe.“) Damit ist Google groß und reich geworden.

     Dann kam Facebook. Die haben gewissermaßen auf das Internet noch mal ein kleines Internet draufgesetzt. Hat man im Google-Internet noch das Gefühl von großer Freiheit, man muss ja nur nach dem Weg fragen, aber der ist offen und auffindbar, so ist man bei Facebook plötzlich viel merklicher auf fremden Terrain. Facebook ist nicht mehr der Platz vor der Kirche, Facebook ist die Kneipe, in die man nicht nur am Sonntagmorgen geht. Doch gefühlte Intimität verdeckt für die meisten Nutzer, dass sie im Terrarium leben und alle zusehen. Und im eigenen Reich ist Facebook natürlich sein eigener Google und weiß, was die Nutzer suchen, tun und mehr. Doch reicht das?

     Jeder markenbewusste Geschäftsinhaber weiß, dass ein Stammkunde mehr wert ist als ein Zufallskunde, der sich nicht binden lässt. Jeder Verleger weiß, dass ein Abonnent mehr wert ist als ein Einzelkäufer. Zum Glück für markenbewusste Geschäftsinhaber, Verleger und andere kam das mobile Internet.

 

Bald wieder wie damals bei AOL?

 

Im mobilen Internet haben die Browser nichts mehr verloren. Apps führen direkt zum Ziel. Der Nutzer wird zum Oftnutzer, Dauernutzer, Stammkunden oder Abonnenten. Das ist, was sich die Anbieter wünschen. Das Nadelöhr ist jetzt nicht mehr die Suchmaschine, sondern der App-Store. Hier liegt Apple vorn. Nicht nur weil sie die meisten mobilen Geräte verkaufen oder die meisten Apps. Sondern vor allem, weil das Apple-System ein geschlossenes ist, eine komplette Verwertungskette. Auch Amazon baut ein geschlossenes System auf, sogar mit einem Kettenglied mehr als Apple: Amazon ist selbst eCommerce-Anbieter.

     Das App-System hat nichts mehr mit Navigieren oder Suchen zu tun, es bietet die Fahrt mit dem Schulbus. Kein Umsteigen, keine Weiterfahrt an der Endstation. Endstation.  Die Frage ist, ob man da was lernen kann.

     Bei AOL war auch immer und überall Endstation. Was früher das „Portal“ war, ist heute die Summe meiner Apps: ein Einkaufszentrum. Heute deutlich potenter und schicker als 1995. Dahinter dehnt sich terra ingognita, das Internet.

     Google hat mit Android zwar auch ein Betriebssystem für mobile Geräte, aber diese werden von Samsung, LG etc. gebaut. Noch dümmer für Google: Google gerät zwischen die Fronten. Hat das alte Geschäftsmodell noch Zukunft? Lässt sich mit noch mehr Datamining, Google+ plus neue Allgemeine Geschäftsbedingungen, etwas retten? Oder schließt man damit nur zu Facebook auf, die auch nicht mehr glänzen? „Google and Facebook are between a rock and a hard place“, TechCrunch. Vom selben Autor, Keith Teare, stammt die Information, dass Facebook Aktien heute nur noch einen Wert von US$ 34 hätten, vor einem Jahr noch US$ 55. Happy IPO.

 

Brave New World

 

Mal angenommen, die Tendenz geht tatsächlich dahin, dass die große Masse der Internet-Nutzer demnächst Smartphones und Tablets und damit Apps und keine Browser mehr nutzt. Dann dürfte die Datenautobahn bald sehr verkehrsberuhigt sein. Ich stelle mir eine Zweiteilung des Internet vor. Hier die Welt der mobilen Apps, hochkommerziell und viele Investitionen anziehend. Dort das kleine klassische Internet wie vor zwanzig Jahren für Wissenschaftler, dazu einige Freaks, kaum Investitionen. Gras wird zwischen den Servern wachsen. Und selbst dieses Bild wird sich auflösen, in der Cloud verschwinden und sich dem App-Net anschließen. Außerdem, unsichtbar für die kleinen User wird es die Business-to-Business-Privatautobahnen für Intranets, VPNs, Cloudservices etc. geben. Die Post erledigt dann Mark Zuckerberg.

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