Medium Kunde

von Ulrich Tekniepe (Kommentare: 0)

Oben: Leipziger Messe um 1800, unten: Markt in Marokko um 2000, o. Abb.: Markt im Internet um 2010

Vanity Fair = Marktplatz der Eitelkeiten. Es scheint also außer dem Marktplatz für Waren auch einen für Eitelkeiten zu geben. Oder besser: Der Marktplatz für Waren ist auch einer der Eitelkeiten. Nicht nur, dass demonstrative Waren wie Schmuck, Kleider, Autos und auch Genussmittel Eitelkeiten befriedigen, auf Märkten lässt sich eruieren, womit man auf dem Feld der Eitelkeiten punkten kann.

     Schon für die (Menschen-)Affen als den unsere Herkunft am ehesten wiedergebenden Spezies ist es von größter Bedeutung zu wissen, wo sie in der Gesellschaft stehen. Eine der wirkungsvollsten und überall vorkommenden Formen der Verschaffung, Absicherung und Selbstversicherung einer sozialen Position ist das Lausen („grooming“, s. hierzu z. B. Frans de Waal, „Der Affe in uns“).

     In der menschlichen Gesellschaft hat der Klatsch das Lausen ersetzt. Der Klatsch vermittelt eine Einschätzung der eigenen und anderer Positionen, er bietet außerdem die Möglichkeit, Führung in Mode- und Stilfragen zu übernehmen, z. B. Maßstäbe zu setzen (S. hierzu u. a. M. Gazzaniga, „Human“).

     Die Verbreitung von Nachrichten inkl. Klatsch hat ihre bevorzugten Orte. In der Geschichte waren dies Brunnen, Waschplätze, Gasthaus/Poststation, Märkte und Messen. Während an ersteren eher die lokalen Meldungen verbreitet und bewertet wurden, waren die letzteren für die „Nachrichten aus aller Welt“ geeignet. Besonders die Messen – als die oft internationale, auf jeden Fall territorial weitest reichende Form des Marktes – brachten mit den Waren aus der Ferne auch die Trends und Moden. Neue Waren wurde hinterfragt: „Wozu braucht man das?“ „Was kann das?“ „Was mach’ ich damit?“ Moden wurden hier am wirkungsvollsten verbreitet. Was trägt man? Was tut man? Wie? Wozu? Mit welcher zu erwartenden sozialen Wirkung?

     Hier wurden Geschichten erzählt, ausgetauscht, nachgefragt und hinterfragt. Die Kommunikation auf Märkten und Messen war eine der Urformen von Medienkommunikation. Wobei die Medien Menschen waren, Überbringer, eben Mittler.

     Heute findet man ähnliche Kommunikationsformen und –inhalte noch immer da, wo Menschen zusammen kommen. Z. B. in Fußballstadien, bei Konzerten und anderen Events, in Flagship Stores Stil bildender Marken wie Nike oder auch bei Zara. Und im Internet.

     Das Internet, wo jeder „Publisher“ sein kann, stellt generell den Raum für solche „Marktplätze unserer Zeit“ zur Verfügung. Doch viele Anbieter sind noch nicht so weit.

     Online-Händler, die nur Ware verschieben, mögen heute noch gut auskommen, wo attraktive Preise und zuverlässiges Handling ihnen eine Position verschaffen. Doch zum Service eines Shops, Marktes, gehört mehr. Nämlich den Kunden eine Plattform für Austausch und Orientierung zu verschaffen. Orientierung zu ermöglichen auch an den Meinungen und Erfahrungen anderer Kunden und nicht nur professioneller Empfehler und Bewerter. Denn die Kommunikation mit den anderen Kunden ist emotionaler und daher effektiver, scheint „näher“ zu sein. Davon leben Preisvergleichs- und Kundenbewertungs-Websites. Genauer: sie leben auch davon, dass die Shops es nicht selber schaffen, solche Kommunikation zu ermöglichen. Eine der wenigen Ausnahmen ist natürlich Amazon.

     Ein krasses Gegenbeispiel dazu sind die Bekleidungsabteilungen von Karstadt. Hier sieht man keine anderen Kunden – als Folge davon, dass man hier jahrelang nur Kunden sah, die man nicht sehen wollte. Das Gegenbeispiel hierzu wiederum ist Zara. Hier gibt den Kunden schon der Anblick der anderen Kunden die Gewissheit, am richtigen Ort zu sein. (Und den „falschen“ Kunden die Gewissheit, am falschen Ort zu sein.)

     Hier ist die Rolle der Eitelkeit deutlicher, als sie in den Buchempfehlungen bei Amazon ist. Aber weil es überall gilt, hat Amazon das Prinzip der Bewertungen und Empfehlungen auch auf Low-Tech-, Low-Interest- und Low-Vanity-Produkte übertragen. Ich vermute: mit Erfolg.

     Womit bewiesen wäre: die besten Mittler gegenüber Kunden sind Kunden.

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