„What if ..?“

von Ulrich Tekniepe (Kommentare: 0)

Marshall McLuhan zum 100.

 

„The medium is the message“ und das „global village“ – das ist, was von Herbert Marshall McLuhans Werk als Kommunikations- und Medienwissenschaftler geblieben zu sein scheint. Zwei Zitate, die meist auch noch falsch verstanden werden. Hat er das verdient, der einst schillernde, gefragte Autor und Vortragende?

     Herbert Marshall McLuhan, geboren am 21. Juli. 1911, war zunächst in Toronto Universitätsdozent für englische Literatur. Ab den 50-er Jahren fand er Aufmerksamkeit durch seine Vorlesungen über Kommunikation. Er veröffentlichte dazu einige Bücher, hatte aber wohl keine im strengeren Sinn wissenschaftliche Theorie. Macht nichts. Waren seine Beobachtungen schon originell, interessant, amüsant, so waren es seine Schlüsse um so mehr.

     Denn dass Medien als „extensions of men“, also als Werkzeuge, als Produktionsmittel, Einfluss auf die Gesellschaft haben, hätte man selbst beobachten oder z. B. bei Marx finden können. Nur tat das in den 50-er und 60-er Jahren des vergangenen Jahrhunderts in den USA kaum jemand (vielleicht außer den Systemtheoretikern, die fast alle aus Europa emigriert waren). Dabei war McLuhan weder marxistisch noch materialistisch. Er war beliebig. 

     Die Botschaft eines Mediums ist, was es über die Gesellschaft, über die Produktionsweise erzählt bzw. wie es diese und die Menschen verändert, so McLuhan. Die Eisenbahn macht das Reisen nicht einfach schneller, sie lässt Distanzen zwischen Orten schwinden.

     McLuhan sah Verbindungen, und zwar bevorzugt kausale,  zwischen allem und jedem. Er machte seine Theorien dazu und unterließ es, sie zu beweisen. So behauptete er, das phonetische Alphabet habe die (Stammes-)Menschen von ihren Sinneswahrnehmungen entfremdet, die zu Zeiten einer oralen Kultur noch greifbar gewesen seien. Als wäre es nicht die Sprache an sich – egal, wie vermittelt -, die alle komplexe und holistische Wahrnehmung in die Eindimensionalität einer linearen Behandlung drängt. Tausend Worte sagen weniger als ein Bild.

     An der Erklärung des damals noch neuen Mediums Fernsehen ist er völlig gescheitert. So sieht er im TV ein „kaltes“ Medium, das sehr viel Einbindung des Zuschauers verlangt. („Heiße“ Medien wie das Radio tun das eher nicht. Soso.) Hierzu versteigt er sich in Spekulationen über die Wirkung von Elektronenstrahlen auf die Gehirne der Zuschauer. Amüsant sind dabei auch Beobachtungen wie diese: „Some might quibble about whether or not [Shakespeare] was referring to TV in these familar lines from Romeo and Juliet: But soft! what light through yonder window breaks? It speaks, and yet says nothing". In Othello, King Lear und anderen Jahrhunderte alten Texten findet er ähnliche Hinweise. Das ist Humor. Das ist Chuzpe. Das ist gnadenloser Wahn. Zutreffendes bitte ankreuzen.

     Akustik, Töne, betrachtet McLuhan als richtungslos. Hat er nie an einem Bahnübergang gestanden? Hat er am Lagerfeuer der Stammesmenschen immer alle Stimmen ungeortet gehört?

     Das „globale Dorf“ gab es bei McLuhan übrigens schon früher als das Internet, spätestens 1965: „. . . The human family now exists under conditions of a global village. We live in a single constricted space resonant with tribal drums . . ." (aus Tom Wolfe's "what if he is right?") Die elektronischen Medien, lassen die Menschen nach der Herrschaft der Printmedien wieder hören. Orale Erzählung kommt zurück und macht die Menschen wieder zu Stammesbrüdern und –schwestern im globalen Dorf. Diese Einschätzung verrät nicht, dass McLuhan eine Vision vom Internet hatte, sie schließt sie aber auch nicht aus.

     Typisch für seine Art, Beziehungen immer gleich als kausale Beziehungen zu sehen ist Folgendes. „Im Vergleich zu der jetzt (1968) mit Hilfe des Fernsehens einsetzenden Wirtschaftskrise war das selbstverständlich gar nichts. Die Radio-Krise oder Depression von 1929 bis 1939 war das Resultat der Umstellung einer ganzen Bevölkerung auf ein totales Feld polarisierter Energien, das automatisch mit dem Radio und dem auditiven Raum einhergeht.“ Welche Weltkatastrophe mag da wohl die Verbreitung des Kugelschreibers ausgelöst haben?

 

Tom Wolfe hat die Anfänge von McLuhan’s Ruhm unter der Patenschaft von Howard Gossage beobachtet (s. o.). Er soll hier das Schlusswort haben. Es ist gnädiger, als meines wäre. „But, all right, he may have missed the mark on this or that, but McLuhan will remain a major figure in the social sciences if for no other reason than that he has opened up the whole subject of the way the new technologies are changing people's thinking, reactions, life styles, everything.“

 

Zitate, wörtliche und weniger wörtliche, aus Tom Wolf’s „what if he is right?“ (Link s. o.), Marshall McLuhan's „Understanding Media“, MIT press, und „absolute Marshall McLuhan“ von orange press, deutsche Zitate.

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