Wiedersehen mit der guten alten Zeitung?

von Ulrich Tekniepe (Kommentare: 0)

Oder: Wo ist John McPhee?

Zwei Fragen. Ihre Vorgeschichte: Ich hatte in den letzten zwei Wochen ein Probeabo der Süddeutschen Zeitung. Jeden Morgen außer sonntags und einmal am Montag lag sie in meinem Briefkasten, aufmachend mit dem Ereignis des Vortages.

files/Blogbilder/20131107_Zeitung.jpgAlso, Neuigkeiten darf man von der Zeitung nicht erwarten. Das gilt übrigens, seit es TV bzw. Radio gibt, nicht erst seit Internet. „Nichts ist älter als die Zeitung von gestern“, war einmal. Es muss heute heißen: Nichts ist älter als die Zeitung. Denn sie ist immer von gestern. Wie macht die Zeitung das wett, wenn überhaupt?

Süddeutsche und FAZ setzen z. B. darauf, dass ihre gedruckten Ausgaben mehr Content haben als ihre jeweiligen Online-Stiefschwestern. Da beide den sogenannten Qualitätsjournalismus vertreten, kann die Masse den Unterschied kaum machen. Meine Erfahrung:

Das Viele in der Zeitung ist Meinung. Will ich mich damit auseinandersetzen? Manchmal. Das hängt vom Thema ab und davon, wie die Meinung vorgebracht wird. Aber da fehlt dem Qualitätsjournalismus oft die Qualität. Wenn es kein Probeabo gewesen wäre, hätte ich mich geärgert. 2 Euro 30 pro Einzelausgabe am Werktag ist viel für in der Masse bestenfalls gehobenen Stammtisch.

Wie gesagt, es geht um Meinungsjournalismus. Und ich bin bereit, mich mit Meinungen auseinanderzusetzen, sie zumindest kennenzulernen. Leider fehlt den meisten Meinungsverbreitern bei der Süddeutschen (und der FAZ und anderen) das Handwerkszeug: gute Schreibe, die Aufbereitung eines Themas als Story, als Angebot teilzunehmen.

Dieses Manko ist auf den Webpräsenzen von Zeitungen wie Süddeutscher und FAZ und Welt etc. auch auszumachen. Doch hatte ich bisher die Hoffnung, dass in den gedruckten Ausgaben noch Qualitätsjournalismus (entsprechend meinen Ansprüchen) geboten wird. Schade.

 

Die gute Zeitung war gestern.

 

PS

Kennen Sie John McPhee? Er ist laut Wikipedia „ein amerikanischer Sachbuchautor“. Darüber hinaus hat er viel im New Yorker geschrieben. Interessieren Sie sich für die pflanzenbiologischen Bedingungen von Buschbränden in Kalifornien? Oder für die Fortsetzung der Leibeigenschaft in anderer Form auf einer schottischen Insel heute? Nein? Lesen Sie John McPhee, und plötzlich ist das alles ganz anders. Das ist Qualitätsjournalismus. Allerdings auf Weltspitzenniveau. (Außerdem mag der Erbsenzähler sagen, das ist Magazin- und nicht Zeitungsjournalismus, amerikanischer zu alledem.)

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